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Finally

Ich stehe in der großen Eingangshalle und hinter mir fällt eine große Tür knallend in ihr Schloss. Ich nehme das laute Geräusch aber kaum wahr. Ich habe Steffis Nummer gewählt, denn sie ist in diesem Moment der erste Mensch, mit dem ich meine Freude teilen will. Als sie an ihr Handy geht rufe ich in den Hörer die Catchphrase, die ich mir zur Konzentration und zur Motivation immer wieder habe vorgesagt:

Finally – The Rock has come back to Leipzig.

Das ist natürlich nicht wahr. Weder war ich zuvor schon einmal in dieser Hochschule, noch bin ich Wrestler, oder wie man in meiner Kindheit gerne dazu sagte: Catcher. Aber seit ein paar Minuten bin ich meinem großen Ziel, Musicaldarsteller zu werden, ein großes Stück näher gekommen.

Ich werde ab dem kommenden Semester Student an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig sein!

Viele Dinge gehen mir in diesem Moment durch den Kopf. Ich wünschte mir, dass mich all die dummen Pisser aus meiner Fußballmannschaft jetzt sehen könnten, die mich früher immer als Heintje gehänselt haben. In mir macht sich ein Gefühl breit, als hätte ich es ihnen irgendwie im Nachhinein allen gezeigt. Einige kommen mir in den Sinn: Edis, Frank und Andre, die sich damals in der C-Jugend gerne unter der Dusche anpinkelten. Wann haben die wohl mit diesem Ritus aufgehört? Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie auch heute noch einen königlichen Spaß an der Sache hätten.  

Leipzig war für mich die letzte Chance. Ich wurde bei zwei anderen staatlichen Hochschulen zuvor zweimal in der ersten von drei Vorauswahlrunden direkt nach Hause geschickt. Innerlich hatte ich mich bereits auf ein langes unbezahltes Praktikum an meinem heimischen Staatstheater eingestellt. Wäre bestimmt witzig geworden eine Hospitanz oder so… Aber ich ärgere mich nicht. In keinster Weise. Nein, in diesem Moment bin ich einfach nur unbeschreiblich glücklich. Meine erste Hausaufgabe habe ich auch schon bekommen: Ich soll über den Sommer meine tänzerischen Fähigkeiten trainieren. Demnach war meine Tanzleistung auch in dieser Aufnahmeprüfung wohl die dürftigste meiner drei Leistungen.

Steffi freut sich mit mir am Telefon und sagt mir, wie stolz sie auf mich ist. Ich will mich direkt auf den Heimweg machen. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Wohnung in Braunschweig.

Es ist schon komisch wie man so einen Anfang eines Lebensabschnitts mit einem „endlich“ einleitet. Aber so fühle ich mich. Bestätigt. Ich habe eine große Stimme! Das hat mir die Leiterin des Studiengangs in meiner Besprechung gesagt. Ich weiß das. Ich bin stolz auf meine Stimme. Und endlich weiß es auch jemand da draußen in der großen Welt zu schätzen. Endlich bin ich da, wo man mich will!

Finally – the Rock has come back to Leipzig!

8.7.08 19:47, kommentieren

Der Weg nach Leipzig

Es wird langsam dunkel draußen, mir ist ziemlich warm als ich aus dem InterCity steige. Meinen schweren Koffer in der Hand. Der große goldumwickelte Stock, den ich für meine eine Nummer mit dabei habe, ragt ungelenk aus der einen Kofferecke heraus. auch wenn ich sie nicht bemerke, bin ich mir sicher, dass ich etliche komische Blicke für mein Accesoire ernte. So ganz egal, wie ich es gerne hätte ist es mir dann aber leider doch nicht.

Ich würde mir andere Blicke wünschen. Blicke die mich mehr bewundern und nicht diese bemitleidenden. Die Passanten wissen einfach nicht, dass gerade an ihnen einer der großen Musicalstars von morgen vorbei geht! - Auch wenn ich mir meine Chancen für das morgige Vorsingen als nicht so groß ausmale. Mein eingewachsener Fußnagel wird mir mit Sicherheit keine große Hilfe sein, erst recht nicht beim Tanzen. Aber da ich nunmal die Aufnahmeprüfungsgebühr bereits überwiesen habe, gibt es nun auch kein Zurück mehr. Ich werde morgen die Prüfung machen und dann Abends so schnell es geht zurück fahren um in "Arseen und Spitzenhäubchen" meine klein Statistenrolle zu übernehmen.

Ich bin zwar lange bei meiner Freundin gewesen heute und ich habe die Zeit auch sehr genossen, aber dennoch hätte ich Bock auf Sex und da ich durch den Statisteriejob momentan über ein wenig Geld verfüge wähle ich nicht den Haupteingang sondern schländere durch einen vermeintlichen Nebenausgang des Hauptbahnhofes nach draußen. Ich bin innerlich sehr aufgeregt und kann nicht so recht einordnen ob es nun daran liegt, dass sich eventuell morgen mein Leben verändern wird, oder an meinem möglichen Puffbesuch. Wegen irgend etwas muss sich diese fahrt für mich auf jeden Fall lohnen. Verdient hätte ich es!

Ungefähr einhundert Meter von mir entfernt sehe ich eine rötliche Reklame an einem Haus. Ich habe meine Brille nicht mit dabei und so schlendere ich einfach darauf los, in der Hoffnung ein gewisses Etablissement dort vorzufinden. Aber schon bald erkenne ich, dass es sich wohl doch um ein gewöhnliches Hotel handlet. Auf der angebrachten Preistafel finde ich mich nicht schnell genug zurecht, als mich plötzlcih ein Mann von der Seite anspricht. Er scheint zum Hotel zu gehören, den er bietet mir eine Übernachtung dort an für gerade mal 46Euro, inklusive Frühstück.

Ich wollte mir ja was gönnen... Dann wird es heute halt mal kein Sex mit einer Prostituierten, sondern ein teures Hotel. Auch keine Jugendherberge wie in München. Ich checke ein und bestelle mir für den Morgen noch einen Weckdienst. Um Neun soll ich am Diettrichring 21 sein. Noch schnell ein Telefonat mit meinen Eltern und meiner Freundin, dass ich gut angekommen bin und dann gehe ich nachdem ich mir noch einen runtergeholt habe ins Bett. Ich bin immer noch aufgeregt. Es liegt also doch am Vorsingen.

Es muss doch einfach klappen... 

16.7.08 15:37, kommentieren